Ich freue mich, dass meine Tochter Jana einen Gastbeitrag für meinen Blog verfasst hat. Sie hat mir vor Jahren den Blick auf feministische Themen geöffnet und ist gleichzeitig ein begnadeter Makeup-Artist.

In ihrem kurzen Essay „A Woman’s Beauty“ stellt Susan Sontag fest: „Sich herauszuputzen kann für eine Frau nicht nur Vergnügen sein. Es ist auch eine Pflicht. Es ist Arbeit.“ Das ist eine Aussage, die mir in den letzten Monaten immer wieder im Kopf herumschwebt, seit ich begonnen habe, meine Makeup-Sammlung neu zu überdenken. Es ist leichter, nicht über gesellschaftliche Zwänge nachzudenken, wenn man hauptberuflich Student ist und ohne Bedenken tagelang grünen Lippenstift tragen kann. Aber es ist etwas ganz anderes, wenn man berufstätig ist, und morgens auch gar nicht mehr die Zeit hat, sich kreativ am eigenen Gesicht zu verwirklichen.


Wenn ich an Makeup denke, kommen mir zuerst die Momente in den Sinn, in denen ich mich wegen Makeup gut gefühlt habe. Der Prozess des Schminkens ist für mich jedes Mal eine meditative Erfahrung, und ich mag es, mir Zeit für mich selbst zu nehmen, bevor ich mit dem Alltag konfrontiert werde. Ich denke auch daran, wie gut ich mich fühle, wenn ich schön geschminkt bin, oder die intimen Momente, wenn man mit einer Freundin vor dem Badezimmerspiegel steht und sich ihren Lippenstift ausleiht. Zu Weihnachten schminke ich alle Frauen in unserer Familie und an so einem hektischen Tag sind die Momente Ruhepole, die uns verbinden. Es ist schwer, bei oberflächlichen Gesprächsthemen zu bleiben, wenn ich mit meinem Pinsel in deinem Gesicht herumhantiere. Meiner Meinung nach ist Makeup dann am schönsten, wenn es für solche Momente sorgt, und ich finde es auch jedes Mal inspirierend mitzubekommen, wie viel Solidarität und Mitgefühl in einem Gespräch über Makeup entstehen kann.
Makeup ist auch kreativ. Es erlaubt mir in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen, und es verlangt das gleiche Können wie jede andere bildende Kunst, von Kenntnis der Farbtheorie bis zur Pinselführung. Aber das ist leider auch nur die halbe Wahrheit. Wenn Makeup so eine riesige künstlerische Spielwiese wäre, die nur der Persönlichkeit und Stimmung unterworfen ist, warum reden wir dann von „No-Gos“? Warum werden „schlecht“ geschminkte Frauen sozial bestraft (z.B. durch Lästern, Auslachen, heimliches Fotografieren), anstatt dass man respektiert, dass sie sich vielleicht bewusst entschieden haben, ihre Persönlichkeit so auszudrücken? Warum ist es nicht akzeptabel, dass ich mit meinem grünem Lippenstift zur Arbeit komme? Wenn es stimmt, dass das Gesicht die Leinwand für eine Art persönlicher Kunst ist, dann – wie Autumn Whitefield-Madrano in ihrem Buch „Face Value“ sagt – machen wir sehr repetitive Kunst. Wo sind die abstrakten Expressionisten, die Kubisten des Makeup? Wo ist überhaupt irgendjemand außer die Realisten und Minimalisten? Größtenteils tragen wir Makeup das sich eher gleicht als unterscheidet.


So sehr ich also Makeup liebe und damit experimentiere – dass ich mich als Frau für Makeup interessiere (und die Art und Weise wie ich dieses Interesse ausdrücke), kann ich nicht von gesellschaftlichen Zwängen lösen. In manchen Fällen werden Frauen sogar gefeuert, wenn sie kein Makeup tragen (berühmte Fälle zum Googeln: Darlene Jespersen und Melanie Stark). Studien zeigen, dass Frauen ohne Makeup im Beruf als inkompetenter und unkooperativer eingeschätzt werden. Selbstverständlich gibt es also die gesellschaftliche Erwartung an Frauen, sich mit Makeup attraktiver zu machen. Egal wie meine persönliche Meinung ist – wenn ich mich schminke, um mich schöner zu machen, entspreche ich sexistischen Erwartungen. Eine Frau, die gerne Makeup trägt, tut vielleicht was sie mag, aber sie tut auch was sie soll.


Eine Möglichkeit, sich als Feministin aus dem Dilemma zu ziehen ist der Wahlfeminismus. In den letzten Jahren hat diese Richtung des Feminismus besonders Aufwind bekommen, und in Bezug auf Makeup war das lange meine Philosophie. Ihr zufolge ist alles, was eine Frau macht feministisch, solange sie sich nur persönlich dafür entschieden hat. Wahlfeministen machen es sich bei diesem Problem sehr einfach. Solange niemand mit einer Pistole hinter einer Frau steht und sie zwingt, den Lidstrich nachzuziehen, ist Makeup feministisch. Dass meine Interessen sich möglicherweise vor dem Hintergrund einer Erziehung und gesellschaftlichen Erwartungen geformt haben, wird als nebensächlich abgetan. „Ich trage Makeup für mich selbst und nicht für andere“ ist das Mantra des Wahlfeminismus und Totschlagargument. Ich verstehe die Attraktivität, die solche Denkweisen für Frauen haben. Unser Leben lang werden wir einerseits dazu gedrängt, Makeup zu tragen, aber Makeup wird auch genauso wie andere „feminine“ Sachen gesellschaftlich herabgesetzt. Es ist ein „Mädchending“, was anscheinend etwas Schlechtes ist. Stattdessen zu sich selbst zu sagen „ich trage Makeup gerne und muss deswegen kein schlechtes Gewissen haben“ ist irgendwie erleichternd. Als ich angefangen habe, mich mit Feminismus zu beschäftigen, habe ich diese Idee sehr dankbar aufgenommen. Ich war nicht gezwungen, meine Interessen zu hinterfragen, die ich jahrelang gepflegt habe. Nach einiger Zeit merke ich aber, wie ergebnislos die Einstellung ist. Ich bin der Meinung, wenn deine Art Feminismus darin besteht, das Gleiche zu tun, was dir die misogyne Gesellschaft sagt, dass du zu tun hast, und der einzige Unterschied besteht darin wie du dich fühlen sollst, dann hat sich effektiv nichts geändert. Männern ist es egal wie du dich fühlst, solange du gut aussiehst. Solange der Markt für dekorative Kosmetik wächst (was er tut), ist es ihm egal, warum Frauen kaufen.


Ich will kein Plädoyer dafür schreiben, dass alle Frauen ihr Makeup wegschmeißen müssen, weil es patriarchalisch ist (das wäre ziemlich heuchlerisch von mir). Ich will eher sagen, dass individuelle Entscheidungen in Bezug darauf konsequenzlos sind, solange die sozialen Strukturen bestehen bleiben, die uns überhaupt in das Dilemma bringen. Die aufzulösen ist letzten Endes eine gesellschaftliche Leistung. Das feministischste, was man meiner Meinung nach also machen kann, ist mit Leuten darüber zu reden! Ansichten zu ändern; und gemeinsam unsere unbewussten Vorurteile ans Tageslicht bringen, reflektieren und gemeinsam zu wachsen. Das kann man sogar geschminkt machen.
Auf der anderen Seite wäre ich persönlich unzufrieden damit, mich als Einzige unangetastet zu lassen und wie gehabt weiterzumachen. Ich habe in letzter Zeit angefangen, wieder regelmäßig zu meditieren, und es hilft mir dabei, mir meiner Gedanken bewusster zu werden. Auch in Bezug auf Makeup frage ich mich deswegen immer öfter: wofür gebe ich Geld aus? Wie viel Zeit geht fürs Schminken drauf? Und Gedanken? Und auch wenn ich noch zu keinem Ergebnis gekommen bin, merke ich wie es mir hilft, in dem Stimmengewirr von Sexismus, Wahlfeminismus und Makeup-Tutorials eine Balance zu finden, die meiner geistigen Gesundheit am meisten hilft. Weil, so lange wir nicht in einer vollkommen egalitären Gesellschaft leben, in der jeder ohne äußeren Druck seine Interessen entwickeln kann, ist das unmittelbare, wichtige Ziel – geistige Gesundheit. Ein Bewusstsein für unsere Beziehung zu Makeup zu entwickeln und dabei zu einer Lösung für uns selbst zu kommen ist im Rahmen der Möglichkeiten wohl das Beste, was wir dafür tun können. Diese persönliche Lösung wird nicht feministisch sein, aber das ist auch ein utopischer Anspruch. Nicht alles, was man mag und macht, muss „feministisch“ sein. Manchmal muss es auch reichen, wenn wir ehrlich und gutmütig mit uns selbst umgehen.

 

Danke für den tollen Artikel, wenn ihr mehr von Jana sehen wollt, findet ihr sie bei Instagram auf https://www.instagram.com/grimmsschwester/.

Bis dahin, Eure fifty-something


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